Wie kam die Giraffe nach Föhr?

Eine Geschichte für kleine und große Leute von DAX

 

Afrika, wo die kleine Giraffe geboren wurde, war wirklich ein herrliches Land. Alle fühlten sich dort wohl, ihre Eltern, ihre Geschwister und sogar ihre Großeltern wohnten gern dort. "Twiga mdogo" wurde sie von ihrer Familie genannt. Das heißt auf Deutsch "Kleine Giraffe". Aber später sagten sie alle Twigi zu ihr, weil das viel leichter auszusprechen war.

Twigi war ein fröhliches Giraffenkind, bis sie eines Tages einen schrecklichen Schluckauf bekam. Und weil der Schluckauf nicht aufhörte, gingen die Eltern mit Twigi zum Doktor. Der holte seine lange Leiter, damit er Twigi`s langen Hals gründlich untersuchen konnte. Beinahe wäre er von der Leiter gefallen, als Twigi gerade wieder einen tüchtigen Schluckauf kriegte. Twigi musste darüber lachen. "Mach deinen Mund mal auf, damit ich hineinsehen kann !" ,sagte der Doktor und machte ein strenges Gesicht. "Was hast du gestern Morgen gegessen ?", fragte der Arzt. Twigi dachte einen Moment nach, und dann fiel ihr ein, dass sie mehrere Blüten von einem Affenbrotbaum genascht hatte. "Aha", sagte der Doktor, "dann ist alles klar. Du hast eine Affenbrotbaumblüten - Allergie!" Da sah die Mutter Twigi streng an. "Du weißt, dass du nicht davon essen solltest, weil du die Allergie von deinem Großvater geerbt hast". Vor Schreck bekam Twigi schon wieder einen heftigen Schluckauf-Anfall. "Da wird nur ein Kuraufenthalt an der Nordsee helfen", sagte der Doktor und erzählte Twigi`s Eltern von einer erfolgreichen Heilung bei einem jungen Löwen. Vor lauter Schreck wurde der Vater ganz blaß. "Das kann doch keiner bezahlen", jammerte er. Aber der Doktor beruhigte ihn. "Das meiste von solch einer Kur bezahlt die Afrika-Kasse, macht euch keine Sorgen, das kriegen wir schon hin. Hauptsache, Twigi wird wieder gesund."

Und so kam es, dass Twigi sich von Ihren Eltern verabschiedete und mit einem Riesen-Spezial-Flugzeug nach Hamburg geflogen wurde. Von dort ging es mit einem Güterzug nach Dagebüll. Allerdings musste Twigi natürlich die ganze Fahrt über liegen, weil so ein Güterwagen viel zu niedrig ist. Aber schlafen konnte sie nicht. Sie war viel zu aufgeregt, weil sie noch nie in Deutschland gewesen war, und schon gar nicht an der Nordsee. Als Twigi endlich aus dem Güterwagen klettern durfte, musste sie sich erst einmal ordentlich schütteln, denn das lange Liegen hatte ihr gar nicht gefallen. Ihren Schluckauf hatte sie vor lauter Aufregung ganz vergessen.


Da lag die riesige Nordsee vor ihr. Das Meer hatte sie ja schon in Afrika gesehen, aber hier wehte ein kalter Wind und die Menschen sahen alle so weiß aus und schauten ein wenig verdutzt. Twigi war viel zu neugierig , so dass sie überhaupt keine Zeit hatte, Angst zu haben. Ein Mann mit rotem Anzug zeigte ihr den Weg auf die Fähre und alle Menschen begrüßten sie ein wenig skeptisch, aber freundlich und lachten fröhlich. Twigi konnte natürlich nicht in das Schiff hineingehen, sie musste auf dem Vorder-Deck stehen, weil sie sich sonst den Kopf wohlmöglich gestoßen hätte. Und weil Twigi so fürchterlich neugierig war, schaute sie vorn durch das Fenster der Kapitäns-Brücke. Karl-Fiete, der Kapitän, kriegte einen gehörigen Schrecken, als er plötzlich vor sich den Kopf der Giraffe sah. "Ich habe doch gestern kaum einen Tropfen Bier getrunken", dachte er bei sich und wischte die Brille sauber. Beinahe hätte das Schiff einen kleinen Schlenker gemacht, aber Kapitän Karl-Fiete hatte bald alles wieder sicher im Griff.

Endlich legte die Fähre in Wyk an. Am Hafen stand ein Bus mit einem Fahrrad-Transport-Anhänger bereit, bei dem das Dach abgenommen worden war. Da sich die Bürgermeister der Insel noch nicht einig darüber werden konnten, wo ein so hoher Kurgast wohnen sollte, war man übereingekommen, dass Twigi sich zunächst bei einem bekannten Kunst- und Staketten-Maler auf der Insel in dessen Garten aufhalten durfte, zumal hier der Wunsch aufgekommen war, sich wieder ein Haustier anzuschaffen, nach dem Hund und Katze vor einiger Zeit verschieden waren. So bot sich hier eine geeignete Gelegenheit. Twigi war es von zu Hause ohnehin gewohnt, im Freien zu leben. Da es um die Jahreszeit zwar nicht so warm wie in Afrika war, auf der Insel aber immerhin sonniges Wetter herrschte, war man dankbar, dass der Maler sich zur Aufnahme der Giraffe bereit erklärte. Das geschah aus der Sicht des Künstlers sicherlich auch nicht ganz ohne wirtschaftliches Interesse, denn er hatte auf geheimen Wegen erfahren, dass die Giraffe dringend einen neuen Farbanstrich benötigte, der von der Afrika-Kasse bezahlt werden sollte. Das knappe Künstler-Einkommen konnte auf diese Weise ein wenig aufgestockt werden, ganz abgesehen davon, dass die Grünfutter-Versorgung aus dem Garten des Malers ebenfalls vergütet wurde. So wurde Twigi dann vom Kunst- und Stakettenmaler, vom Bürgermeister und einigen Dorfbewohnern mit einem Gläschen Manhattan freundlich empfangen. Wie viel dann im Laufe des Abends wirklich noch getrunken wurde, wusste man nicht genau. Es hieß allerdings,dass einige Nachbarn von der Schluckauf-Allergie angesteckt wurden.
Am nächsten Morgen gab es bei der Maler-Familie eine Überraschung: Twigi hatte sich ein schmackhaftes Frühstück verschafft und war gerade dabei, sich am Reetdach des Maler-Friesenhauses gütlich zu tun. Der Verzehr reizte den Schluckauf aber wieder, und Twigi verschmähte den weiteren Verzehr von Reet-Halmen. So vergingen die Tage auf Föhr. Das gute Nordsee-Klima schien Twigi sehr gut zu bekommen. Der Schluckauf meldete sich nur noch selten. Eines Tages aber, als Twigi unten an der Marsch einen Spaziergang machte, entdeckte sie eines der vielbewunderten Bauwerke auf der Insel, einen Güllebehälter. So etwas hatte Twigi noch nie gesehen. Da sie gerade Durst verspürte, sah sie neugierig hinein - und probierte einen Schluck. Das hätte sie nicht tun sollen. Die Schluckauf-Allergie meldete sich auf schreckliche Art zurück, Twigi konnte kaum noch Luft bekommen. Zum Glück aber kam gerade ein Dorfbewohner vorbei, dessen Haupttätigkeit, wie jeder im Dorfe wusste, darin bestand, aufmerksam alle Begebenheiten und Veränderungen im Orte zu kommentieren und zu beurteilen. Er war es, der sofort den Doktor benachrichtigte und es nicht an geeignetem Kommentar fehlen ließ, wie man der armen Giraffe schnell helfen sollte. Der Doktor, ein Afrikaerfahrener Mann, kam und fand die Giraffe ziemlich angegriffen aber stehend vor und sah natürlich sofort, dass dem Tier nur durch die Verabreichung einer Medizin zu helfen war.

Er konnte aber nicht an den Kopf herankommen. Inzwischen war jedem der beiden Herren klar, dass hier nur die Feuerwehr mit einer langen Leiter helfen konnte. Man raste zum Feuerwehrhaus und löste durch das Einschlagen der bekannten Glasscheibe Alarm aus. Da war plötzlich Leben im Dorf. Von allen Seiten rasten Männer heran - einige hatten sogar noch Zeit gehabt, ihre Dienstmütze aufzusetzen - und fuhren die Leiter zum Unglücksort. Der Doktor stieg hinauf, verabreichte die Medizin, und Twigi erholte sich unter Aufsicht und zur Freude der Feuerwehrmänner rasch. Man geleitete sie in den Garten des Malers und wünschte weiterhin gute Besserung. Ansschließend gab es im Dorfkrug die obligate Manöverkritik , und jeder war lautstark froh, auf seine Weise geholfen zu haben.

Twigi schlief nach diesem ereignisreichen und anstrengenden Tag einen erholsamen Schlaf und träumte von einem Güllebehälter voller Bowle in Afrika.
Es war an einem Sonntag. Das schwüle Wetter drückte auf die Seele, Twigi hatte ein wenig Kopfschmerzen, da konnte man schon Heimweh bekommen. Obwohl es schon bald auf Nachmittag zuging, entschloß sich Twigi einen Spaziergang nach Wyk zu machen. Vielleicht kam sie dort auf andere Gedanken. Sie erreichte bald den Sandwall und von der Nordsee kam ein leichter Südostwind heran. Twigi trottete lustlos an der Promenade entlang. An die fragenden Blicke der vielen Feriengäste hatte sich Twigi schon gewöhnt, aber eigentlich guckten sie alle recht fröhlich, zumal die Sonne den ganzen Tag geschienen hatte. Am Strand begegnete ihr ein Pärchen, das Arm in Arm im Partnerlook eines giraffenfarbenen Jogging-Anzugs seinen Urlaubstag genoß. Twigi musste lachen und vergaß dabei ihr Heimweh.
 
Sie erreichte das Schachspiel am Sandwall. Zwei Männer standen sich in fast feindseligem Schweigen einer Schachpartie gegenüber. Einige Feriengäste waren ebenfalls stehen geblieben und kommentierten sachkundig das Spiel. Twigi hörte auch, dass es sich bei den Spielern um den Bürgermeister und dessen Rivalen handelte, obwohl beide Herren gar nicht danach aussahen. Immerhin lag die Bürgermeister-Wahl in der Luft und so fehlte es bei dieser Begegnung nicht an bissigen oder bewundernden Bemerkungen einiger eingeweihter Insulaner, während sich die Kontrahenten gehörig anschwiegen. Kenner des königlichen Spiels wussten natürlich, dass es sich bei diesem Anschweigen keinesfalls um Feindseligkeiten oder gar gegenseitigen Haß handelte, sondern vielmehr um Gesten des Nachdenkens. So weit, so gut. In letzter Minute gewann tatsächlich der derzeitige Amtsinhaber das Spiel, wendete sich lächelnd ab und mischte sich unter die Promenaden-Spaziergänger, wo er von den anderen Menschen nicht mehr zu unterscheiden war.

Twigi hatte das Spiel voller Spannung verfolgt. Sie verspürte ein wenig Hunger und wollte gerade eines der köstlichen Blätter vom Baume rupfen - als schon ein Strandwächter angerannt kam und Twigi mit einem Seil fangen wollte. Wie sollte sie ahnen, dass man als Giraffe so etwas nicht durfte. Verständlich, dass ihr Heimweh jetzt wieder stärker wurde. Sie lief und lief in großen Sätzen in Richtung Südstrand. Weil Twigi natürlich viel schneller als der Strandwärter mit seinem Karren war, hatte der seine Verfolgung bald aufgegeben und die Menschen, die am Strand in der Sonne lagen, klatschten der Giraffe fröhlich Beifall. Ein bischen aus der Puste, blieb sie am Wasser stehen und sah wehmütig über das Meer. "Ich möchte eine Welle sein, dann könnte man mich nicht einfangen," dachte Twigi und bekam einen Schluckauf. "Du musst in das Wasser gehen," sagte eine Mutter, die gerade mit ihrem Kinde vorbeispazierte, "das kalte Wasser erschreckt dich und dann ist der Schluckauf weg." Twigi wagte sich tatsächlich in das Meer. Sie erschrak wegen des kalten Wasser so sehr, dass der Schluckauf sofort aufhörte. Sie versuchte zu schwimmen, aber das konnte sie nicht, weil das Wasser viel zu flach war. Sie watete und watete immer weiter, bis sie sich plötzlich in der Fahrrinne fand und jetzt wirklich schwimmen konnte. Was Wunder, dass einige Zuschauer am Strand meinten, dass dort ein unbekanntes Wesen in der Nordsee schwamm, denn man konnte nur den langen Hals mit dem Kopf der Giraffe sehen.


Karl-Fiete war auch gerade mit seinem Fährschiff unterwegs. Er hatte sich in seine Kajüte zurückgezogen, als der Rudergänger aufgeregt nach seinem Kapitän rief. Man kann sich vorstellen, wie der erschrocken auffuhr und sein Fernrohr an die Augen drückte. Mit geübtem Blick starrte er auf das vor ihm schwimmende Wesen und schaltete die Funksprechanlage ein. "Hallo! Hallo! Hier Fährschiff Schleswig-Holstein! Vor uns in der Fahrrinne zwischen Amrum und Föhr das - Ungeheuer von Loch-Ness!" Seine Stimme überschlug sich jetzt regelrecht. "Gefahr für Urlaubsgäste! Bitte sofort Katastrophen-Schiff Ozeanic einsetzen!" Karl-Fiete starrte seinen Rudergänger Jörn missmutig an, als könne der etwas an der Sachlage ändern. "Hallo, Schleswig- Holstein! Hier Ozeanic! Können Hilferuf nicht annehmen, weil wir nicht für Fahrwasser Föhr - Amrum zuständig! Bitte sich an Amtsvorsteher Föhr-Land wenden! Ende!" Karl-Fiete, dem Kapitän, verschlugs die Sprache. Es konnte nicht ausbleiben, dass er sich seit diesem Tage mehr und mehr mit dem Gedanken beschäftigte, seine Reederei um die frühzeitige Pensionierung zu bitten. Die Frau hatte seinem Plan bereits zugestimmt.
Twigi hielt nichts vom Weiterschwimmen, wollte sich am Strand von Utersum ausruhen und von der Sonne trocknen lassen. Sie ließ sich so richtig durchwärmen und beobachtete schweigend die Nordsee, die sich Mühe gab, eine besonders schöne Wassermusik-Melodie zu singen. Twigi summte die Melodie leise mit, denn irgendwie kam sie ihr bekannt vor. "Ich wollte, ich wäre ein Traum, dann könnte ich allen Menschen, die traurig sind, schöne Träume bringen.", sang Twigi und dabei bekam sie nicht ein einziges Mal den Schluckauf.
Auf Föhr ergab es sich bald, dass in der "Insel-Zeitung" ein Artikel mit großem Foto des See-Ungeheuers erschien. Auch wer keine besondere Phantasie besitzt, wird sich vorstellen können, dass der Fremdenverkehr auf der Insel plötzlich Ausmaße annahm, von denen man vorher nicht gewagt hatte zu träumen.
Übrigens - der Bürgermeister von Wyk hat die Wahl wieder gewonnen. Aber der heimliche Sieger war unbestritten Twigi, die kleine Giraffe.


Die Giraffe finden Sie in Midlum vor dem Hause des Malers Dax. Dort frisst sie ihm die Blätter von den Bäumen ...